A. Lampe

A. Lampe

#kirchezuHause

Wort zum Sonntag

„Mehr als ‚Muss ja‘ – was gibt mir Kraft?“  -  so lautet das Thema unserer Sommerkirche in diesem Jahr. Die erste Hälfte des Mottos hat natürlich mit Corona zu tun: Das Gefühl von ‚Muss ja‘ gehört zwar auch ohne Pandemie zu unserem Leben, also Dinge, die wir nicht gerne tun, die keinen Spaß machen, aber doch sein müssen usw.

Aber in Zeiten der Pandemie hat sich das verstärkt: Auf vieles haben wir verzichtet, auf manches, das uns das Leben sehr lebenswert macht; wir haben verzichtet, weil es angeordnet wurde, und weil es vernünftig war! Also, weil, es sein musste, ‚musss ja‘!

Viele Menschen sind genervt, manche resigniert. Viele sind an Corona erkrankt, manche leiden unter dem Long-Covid-Syndrom, d.h. sie finden nur ganz allmählich und mühsam wieder in den gewohnten Alltag. Das ‚Muss ja‘ unseres Themas steht für die Krise, die wir erleben und erleiden; und die sich trotz mancher Erleichterungen, trotz des Impffortschritts als zäh erweist.

Die zweite Hälfte des Mottos lautet: „Was gibt mir Kraft?“ Darauf will ich hier antworten und mein Ausgangspunkt ist ein Psalmvers: „Wenn ich dich anrufe, so erhörst du mich und gibst meiner Seele große Kraft.“ (Psalm 138,3)

Der Beter dieses Dankpsalms wendet sich an Gott und sagt ihm, welch gute Erfahrung er mit dem Gebet gemacht hat, mit der Zwiesprache zwischen Gott und Mensch. Merkwürdig finde ich die Erwähnung der Seele, warum heißt es nicht einfach „du gibst mir große Kraft“? Was ist hier der Unterschied? Die Seele wird in der Bibel immer wieder mal erwähnt, ganz besonders häufig aber in den Psalmen. Gibt es einen besonderen Zusammenhang zwischen der Kraft, die von Gott kommt, und der Seele des Menschen? Und was ist das überhaupt, die Seele?

Die Seele ist im Menschen, ich glaube, das so würden wir alle antworten – aber wo genau? Im Kopf vielleicht? Hat sie mit unseren Gedanken zu tun? Oder im Bauch? Gehört sie zu den Gefühlen? Oder sitzt sie im Herzen des Menschen? Keiner weiß es – und keiner hat sie gesehen! Einen Hinweis könnte man Psalm 103 entnehmen: Da spricht der Mensch zu seiner Seele: „Lobe den Herrn, meine Seele“, so fordert er sich selbst auf. Steht die Seele also dafür, dass der Mensch zu sich selber sprechen kann, sich seiner selbst bewusst ist?

Ich würde sagen, all das sind richtige Antworten. Die Seele des Menschen steht für seine Lebendigkeit, für all das, was sein Leben ausmacht  -  und noch für mehr! Dieses „mehr“ habe ich in folgendem Satz gefunden, der mir sehr einleuchtet: „Die Seele ist das Organ unserer Kommunikation mit Gott, dem unverfügbaren Grund unseres Lebens.“ Diese Erkenntnis kommt von einem Theologen, der in den USA lehrt.

Die Seele als unsichtbares Organ, das uns Gott wahrnehmen und erfahren lässt, und das uns sprachfähig macht gegenüber Gott. Wie wichtig eine solche Sprachfähigkeit ist, zeigt eine Erinnerung, die die Theologin Dorothee Sölle aufgeschrieben hat: Sie erzählt von einer Trauerfeier. Ein Mann war plötzlich gestorben, ein Freund, ein Arbeitskollege, einer, der nicht in der Kirche war.

So gab es keine kirchliche Trauerfeier. Und die Trauerfeier, die es gab, verlief nahezu stumm, sowohl in der Kapelle als auch später am Grab. Am folgenden Tag am Arbeitsplatz wurde auf den Tod des Kollegen hingewiesen. Es gab eine Schweigeminute zum Gedenken. Dann kehrten alle zur Tagesordnung zurück. „Aber kann man in der Tagesordnung fortfahren, wenn jemand stirbt?“, so fragt Dorothee Sölle, „Kann man, wenn sich in unserem Leben wichtige Dinge ereignen, auf Klagen, Loben, Danken, Fluchen, Schreien, Anklagen, Preisen, Rühmen verzichten? Was geschieht mit uns, wenn unser Leben so sang- und klanglos wird? Verdörrt nicht das Leben, wenn man keine Sprache mehr hat für all das, was vorgeht?“

Und dann kommt sie auf das Gebetbuch der Bibel zu sprechen, auf die Psalmen, die Anleitung geben können: um das zum Ausdruck zu bringen, was in uns ist, das Lebendige, das, was wir fühlen; das, wovon unser Herz überfließt, Freude, Dank; oder das, was uns bedrängt, Trauer, Angst, Verzweiflung.

Die Psalmen geben Anleitung, wie wir mit Gott ins Gespräch kommen. Und die Seele ist das Organ solcher Kommunikation. Natürlich stellen die Psalmen keine Theorie dar, die man anwenden könnte. Es geht ja um Erfahrungen von Menschen, die hier aufgezeichnet wurden. Und dem entsprechen sind wir eingeladen, eigene Erfahrungen zu machen, indem wir Gott suchen, indem wir ihm mitteilen, was uns bewegt.

Dabei aber können uns die uralten Worte der Bibel helfen, wir können ihre Sprache aufnehmen, ihre Bilder, und sie mit dem eigenen Leben, mit unseren Erfahrungen verbinden.

In einer Zeitschrift las ich von den Erfahrungen einer Frau aus Hamburg: Sie hatte schon immer ihren Großvater bewundert, der so viele Texte gelernt hatte und auswendig hersagen konnte, Gedichte, Balladen. Als Erwachsene nahm sie sich vor, ihm nachzueifern. Aber sie merkte, wie schwer das ist, in fortgeschrittenem Alter auswendig zu lernen, das fällt in jungen Jahren leichter.

Ohne besonderen Anlass wählte sie Psalm 23 als ersten Text: „Der Herr ist mein Hirte…“ – es kostete sie einige Mühe, sich die Zeilen einzuprägen. Vielleicht auch, weil ihr manches an diesem alten Traditionsstück fremd blieb. Sollte sie sich als emanzipierte Frau mit einem Schaf identifizieren, das sich vom Hirten führen lässt?

Jahre später äußerte ihr Arzt den Verdacht, sie könnte sehr krank sein. Lange Untersuchungen folgten, und bange Gedanken, wieviel Zeit noch bleibt. Inmitten medizinischer Technik, in der Röhre beim MRT fiel ihr das auswendig gelernte Stück aus dem Alten Testament wieder ein. Und obwohl es Jahre her war, hatte sie den Text parat. Sie hat sich Psalm 23 in Erinnerung gerufen, hat ihn meditiert, durchgekaut, wie man so sagt, an diesem unwirklichen Ort, der für sie „finsteres Tal“ war, nur mit sich allein.

Sie schreibt: „Völlig unerwartet sprach Gott mit den Psalmversen in diese Situation. ‚Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser‘ und ‚dein Stecken und Stab trösten mich‘ und ‚du bereitest mir einen Tisch‘ – all dies erschien an diesem Ort plötzlich sinnvoll… ich war getröstet. Jahrtausendealte Worte entfalteten eine Kraft, die ich zuvor beim Lernen weder vermutet noch empfunden hatte.“ So hat sie es erlebt, die Frau aus Hamburg, und so hat sie es aufgeschrieben in der Rückschau, und nachdem sie die Krankheit am Ende überwinden konnte!

„Du gibst meiner Seele große Kraft“  -  ich meine, dieser Vers passt gut zu der Geschichte. Die ‚Frau in der Röhre‘, umgeben von Technik zur Untersuchung des Körpers, der Organe – sie kommuniziert über ihr unsichtbares Organ, der Seele, mit Gott; und ihr fließt neue Kraft zu! So deute ich dieses Bild.

Was gibt mir Kraft? So lautet die Frage unseres Mottos. Natürlich das Gebet, so lautet eine Antwort, gesungen oder gesprochen, gedacht oder geschwiegen – viele Wege sind möglich für eine Zwiesprache mit Gott. Aber Kraft gibt auch die Aufmerksamkeit für jenes unsichtbare Organ in uns, die Seele, die an das „Mehr“ erinnert; dass da mehr ist, als unsere begrenzte Wirklichkeit; dass wir unser Leben einem andren verdanken, unserem Schöpfer, und nicht etwa uns selbst. Die Seele macht uns empfänglich für das, was über unser menschliches Dasein hinausgeht.

In der Corona – Zeit haben viele Menschen die Natur neu entdeckt: durch Spaziergänge oder Wanderungen, durch mehr Aufmerksamkeit für Tiere, für Pflanzen und Gärten. Vielleicht hat das auch mit der Seele zu tun, mit einer höheren Sensibilität für das Leben, dessen Gefährdung uns bewusst wird, und mit neuer Ehrfurcht, die für dieses Geschenk geweckt wird.

So kommt die Seele, von der die Psalmen so oft sprechen, wieder oder neu in den Blick: Dieses unsichtbare Organ, dieser Punkt in uns Menschen, der uns mit Gott ins Gespräch bringt; der uns mit Gott verbunden sein lässt und unser Vertrauen weckt: „Du erhörst mich und gibst mir neue Kraft!“

 

(Enno Kückens)

Ein Wort zum Sonntag - Zum Nachlesen

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Gottesdienst zu Hause

Wegen der Coronakrise dürfen augenblicklich keine Gottesdienste stattfinden. Das ist ausgesprochen schade. Zur Gottesdienstzeit am Sonntagmorgen um 10 Uhr können jedoch alle zu Hause in der Bibel lesen, Lieder singen oder beten. Da das voraussichtlich viele Christinnen und Christen so machen, geschieht es auf diesem Umweg dann doch gemeinsam.

Unter dem folgenden Link bietet unsere Landeskirche Anregungen und Ideen, wie wir zu Hause den Glauben leben können: kirchezuhause.de

In dieser außergewöhnlichen Zeit wird es gut sein, im guten Geist Gottes verbunden zu sein. Sein Sie dabei!

Mit den besten Wünschen,

Ihr

Georg Ziegler, Pastor