A. Lampe

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#kirchezuHause

Gottesdienst Pfingstsonntag

Videoandacht Sonntag 26. April

Videoandacht Ostersonntag

Videoandacht Karfreitag

Videoandacht zum Palmsonntag

Gottesdienst zu Hause

Wegen der Coronakrise dürfen augenblicklich keine Gottesdienste stattfinden. Das ist ausgesprochen schade. Zur Gottesdienstzeit am Sonntagmorgen um 10 Uhr können jedoch alle zu Hause in der Bibel lesen, Lieder singen oder beten. Da das voraussichtlich viele Christinnen und Christen so machen, geschieht es auf diesem Umweg dann doch gemeinsam.

Unter dem folgenden Link bietet unsere Landeskirche Anregungen und Ideen, wie wir zu Hause den Glauben leben können: kirchezuhause.de

In dieser außergewöhnlichen Zeit wird es gut sein, im guten Geist Gottes verbunden zu sein. Sein Sie dabei!

Mit den besten Wünschen,

Ihr

Georg Ziegler, Pastor

Zum Nachlesen

Knien und Aufrichten

Diese Bilder gingen gerade um die Welt. Demonstranten und Polizisten stehen sich von Angesicht zu Angesicht, in aufgeladener Atmosphäre gegenüber. Die Polizisten in voller schwarzer Kampfmontur: Helm und Gesichtsschutz, Schild, Knüppel und Brustschutz. Mit Pfefferspraydosen im Gürtel stehen sie fest in Reihe und Glied.

Ihnen gegenüber stehen Demonstranten, hinter Corona-Masken, wütend und bereit ihren Mut und ihre Furchtlosigkeit zu demonstrieren, Schilder tragend mit der Aufschrift: „Kein Frieden ohne Gerechtigkeit“ und „White Silence is Violence“ („Weißes Schweigen ist Gewalt“). Dann die Bilder von Plünderungen und der Ruf nach Gesetz und Ordnung.

Bilder der Eskalation, brennende Geschäfte, Tumult und Chaos.

Und dann gab es diese anderen Bilder: Polizisten knien sich vor den Demonstranten nieder. Eine einfache Geste, aber mächtig. Sie beruhigte alle und schnell beginnen auch Demonstranten ebenfalls niederzuknien. Eine Geste, ein Geist.

Colin Kaepernick, schwarzer Footballprofi der San Francisco 49'ers, aufgewachsen als Kind mit schwarzer Hautfarbe in einem weißen Elternhaus. Er merkte oft, dass er nicht wirklich von der weißen Gesellschaft angenommen wurde. Wenn er mit seiner weißen Mutter in ein Geschäft kam, schaute man ihn beunruhigt an, dann auch die Mutter. „Wen bringen sie da mit?“ - „Das ist mein Sohn!“ Unverständnis.

Colin Kaepernick wächst mit den Privilegien der weißen Gesellschaft auf, bleibt aber dennoch schwarz. Er arbeitet sich im Sport hoch. Sport, das ist fast die einzige Möglichkeit der Schwarzen in den USA sich zu profilieren.  Er wird Quarterback der San Francisco 49'ers. Ein schwarzer Quarterback, das geht für viele Amerikaner eigentlich gar nicht. So eine Position war eigentlich den weißen Spielern vorbehalten. Sicherlich, gab es schon vereinzelt mal einen schwarzen Quarterback wie Randall Cunningham von den Pittsburg Eagles, aber das waren Ausnahmen. Colin Kaepernick war mehr. Er gewann ein Spiel nach dem anderen.

Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA, das ist eine lange Geschichte. 2014 wird Eric Garner in New York von Polizisten getötet. Auch er rief: „I cannot breath!" („Ich kann nicht atmen“). Es ist nicht die einzige Geschichte von polizeilicher Gewalt gegen Schwarze. Ich könnte sicherlich mehr als 2 DIN A 4 Seiten voller Namen an dieser Stelle aufzählen.

Colin Kaepernick macht sich Gedanken. Wie könnte er in seiner privilegierten Stellung als Sportler zu diesen Dingen Stellung beziehen?  Beim Abspielen der amerikanischen Nationalhymne blieb er dann im Stadion auf seinem Stuhl sitzen, anstatt sich mit der Hand auf der Brust, erhoben, stehend mitsingend zu zeigen. EIN SKANDAL.

Sein weißer Mitspieler Nate Boyer ist empört. Colin Kaepernick besucht Nate Boyer und erklärt sich. Nate Boyer beginnt ihn zu verstehen und beide entwickeln den Gedanken des Kniefalls. So kam es, dass Colin Kaepernick sich zur Nationalhymne mit den anderen Spielern einreihte, dann ging er aber auf die Knie, um Respekt vor den Verstorbenen zu zeigen. Neben ihm stehend Nate Boyer, der ihm die Hand auf seine Schulter legte.

Dies war ein weiterer Skandal. „Stehen soll man zur Nationalhymne und nicht knien“, sagte der Präsident. „Den Hurensohn solle man feuern!“ Beleidigende Worte.

Colin Kaepernick wurde daraufhin gefeuert und darf seit dem 1. Januar 2017 nicht mehr spielen.

Es gibt andere bedeutende Kniefälle. Unvergessen der von Willy Brandt in Warschau. Friedensnobelpreiswürdig.

Auf die Knie gehen musste auch der barmherzige Samariter, als er dem Menschen wieder aufhalf, der unter die Räuber gefallen war. Vom Kniefall selbst ist in der Geschichte nicht die Rede, aber die Geste seiner Barmherzigkeit ist nicht ohne das Beugen seiner Knie denkbar.

Es heißt auch in den Psalmen, auf die Knie gehen und beten. Solche Gesten sind mächtiger als alle Zeichen der Gewalt.

Der Skandal, den Colin Kaepernick mit seinem Niederknien ausgelöst hat, ist so bemerkenswert, wie der Kniefall von Willy Brandt und so aufrichtend, wie der des barmherzigen Samariters. Der Kniefall des schwarzen Sportlers wurde von vielen Polizisten und Demonstranten in den USA als Zeichen des Friedens und der Solidarität mit den Opfern der Polizeigewalt verstanden. Ein friedliches Zeichen mit der Aufforderung das Recht wieder aufzurichten.

Vielleicht sollten wir alle, als Zeichen des Friedens, wieder lernen beim Beten zu knien.

Martin Rutkies

Ein Herz und eine Seele

Wer kennt sie nicht, diese Wendung: ein Herz und eine Seele? Besonders für Paare, die harmonisch miteinander wirken, wird diese Formulierung gewählt. Unzertrennlich und in tiefer Übereinstimmung. So stellt es sich dar, so stellen wir es uns vor.

Wirklich schön, wenn wir sagen können: sie sind ein Herz und eine Seele.

Hat das etwas mit Religion zu tun, vielleicht sogar mit christlichem Glauben? Bei den eben beschriebenen Situationen eher nicht. Dabei stammt die Formulierung aus der Bibel, aus dem Neuen Testament.

„Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele“, so heißt es nach der Lutherbibel in der Apostelgeschichte Kapitel 4. Die junge christliche Gemeinde hat so eng zusammengelebt und zusammengehalten, dass diese Aussage so stimmt. Jedenfalls hat es Lukas in der Apostelgeschichte so überliefert. Es wird dann ausgeführt, dass sie alles gemeinsam hatten. In Erwartung des nahen (Welt-)Endes spielte Besitz und Eigentum keine Rolle. Eine traumhafte und fantastische Situation. Je länger es dauert, desto weniger ist eine solche Situation aufrecht zu erhalten. Es spricht für Lukas und für die Bibel, dieses auch auszusprechen. Die Verwerfungen treten bereits im nächsten Kapitel zu Tage.

Trotzdem fesselt mich diese Aussage und die Situation. Denn in ihnen kommt eine Begeisterung zum Ausdruck, zu der die meisten Menschen heute nicht fähig scheinen.

Prüfen Sie sich selbst. Wann haben Sie von sich gedacht: wir sind ein Herz und eine Seele? Wenn überhaupt, dann sind es wahrscheinlich die Momente, in denen ich frisch und glücklich verliebt gewesen bin. Da passt es dann auch hin. Wie in der Bibel hat ebenso dieser Zustand Risse bekommen.

Solche Risse können normalerweise jedoch nicht die Grundlage erfassen oder beschädigen sie nur selten. In der jungen Gemeinde – sie wir auch Urgemeinde genannt – ist der Glaube an Jesus Christus die Grundlage. Bei allen Veränderungen, die die Gemeinschaft durchläuft, bleibt diese Grundlage unstrittig.

Ich weiß wohl: Auch Menschen, die sich als ein Herz und eine Seele empfunden haben, kann die gemeinsame Basis verloren gehen. Ich behaupte aber: wer dieses gemeinsame Erleben geteilt hat, besitzt eine gute Chance, durch alle Turbulenzen eine gemeinsame Grundlage zu behalten, auch in Erinnerung daran: wir waren ein Herz und eine Seele.

Es gehört zu unserem Glauben, darauf zu vertrauen, dass die Beziehung zu Jesus Christus besteht, egal was geschieht. Daraus können wir die Kraft ziehen, untereinander Gemeinschaft zu leben, als Paare, Familie, Nachbarn oder Kirchengemeinde. Das gilt auch dann, wenn wir nicht (immer) sagen können: Wir sind ein Herz und eine Seele.

 

Georg Ziegler, Pasto

Liebe Gemeinde!

Pfingsten - Ende des „Lockdown“. Tja, leider nicht bei uns. Noch nicht. Aber die Erfahrung, von der die Pfingstgeschichte berichtet, ist die eines Aufbruchs nach einer Zeit hinter verschlossenen Türen. Also doch: Hinweise auch für uns! Einschränkungen, zuhause bleiben, sich nicht offen zeigen - das galt auch für die Anhänger Jesu nach seiner Kreuzigung. Die Maske war nicht aus Stoff, sondern aus Unauffälligkeit. Nur nicht erkannt werden, sich im Stillen treffen, die Tür schließen. Lockdown aus Angst und Vorsicht. Als Freunde und Freundinnen des verurteilten Jesus identifiziert zu werden, das war ein zu hohes Risiko für Leib und Leben. Die soziale Distanz war nicht untereinander, aber zu allen anderen. Wie kommt man daraus? Nach Ostern waren sie dem Auferstandenen begegnet bis er in einer Art Himmelfahrt von ihnen genommen wurde. Es kommt eine Kraft, ein Geist von Gott hatte Jesus ihnen noch versprochen. Exit-Strategie? Wie kommen wir daraus? Der Psychologie-Professor Peter Walschburger erklärt im Interview des Weserkurier: Das ist eine bekannte Entwicklung. Am Anfang stand das große Erschrecken, die Bilder aus Italien, der unsichtbare und unkontrollierbare Virus, die unabsehbaren Folgen einer Erkrankung und ihrer Behandlung. Jetzt kommen wir in einen Zustand der Gewöhnung. Die schlimmsten Bilder haben sich nicht bewahrheitet. Die Angst weicht einer eher gedrückten Stimmungslage. Die unerfüllten Wünsche - Urlaub im Sommer wie geht das? - die auferlegten Einschränkungen - Maskenpflicht - Hygieneauflagen - Treffen nur mit wenigen - Abstand, Abstand, Abstand - das tritt nun mehr ins Bewusstsein. Gerade weil die Einschränkungen unseres Lebens so erfolgreich waren, erscheinen sie nun fragwürdig. Und nun kommen noch „unterkomplexe Mythenbildungen“ hinzu, wie Professor Walschburger das so schön nennt. Zu deutsch: einfache Lösungen suchen - Verschwörungstheorien anhängen - Bill Gates hat den Virus gemacht, weil… nun ja weil…irgendwas mit Weltherrschaft jedenfalls. Schön fand die Durchsage eines Schaffners im ICE: „Bitte setzen Sie Ihre Masken auf. Sie wissen doch, die Bundesregierung sammelt überall Speichelproben ein, um uns zu klonen und dann durch Klone zu ersetzen. Setzen Sie besser Ihre Maske auf.“ Wunderbar! Die Lage ist unübersichtlich, die Lösung liegt nicht auf der Hand, keiner weiß, wie es weitergeht. Das ist schwer zu ertragen, darum die Suche nach „unterkomplexen“, nach einfachen Antworten. Und nach Sündenböcken, sagt der Professor. Bill Gates oder Dietmar Hopp oder natürlich Angela Merkel. Das Angebot ist breit. Psychologisch vielleicht verständlich, aber es hilft nichts. Gar nichts. Wer vereinfacht, macht sich und anderen etwas vor. Unterkomplex, das kann man dem Pfingstgeschehen nun wirklich nicht vorwerfen. Erst ist es nur ein Brausen, dann wie von Feuer, aber es zerteilt sich. Die Kraft geht auf viele über. Sie waren alle versammelt und wurden erfüllt vom Heiligen Geist - und fingen an zu reden - ein jeder in seiner Sprache. Keine einfache Lösung, wenn alle mitreden, auch durcheinander reden in vielen Sprachen der Parther und Meder und Elamither, Phrygien und Pamphylien, Kreter und Araber - erstaunlich, wer da alles in Jerusalem war. Unterkomplexe Mythenbildung gab es damals natürlich auch schon: „Die sind doch besoffen“, meinen einige. Aber das zieht nicht. Die Zuhörenden fühlen sich angesprochen, ein jeder in seiner Muttersprache. Bibelausleger weisen darauf hin: das ist auch ein Signal. Hallo, diese Botschaft gilt jedem Menschen. Wer was auf sich hielt, wer mitreden wollte, sprach die Sprache der Gebildeten, sprach griechisch. Hier wird jeder und jede in der eigenen Sprache angerufen. Gott spricht meine Sprache. Seine Geistkraft will mich erreichen. Nein, Pfingsten geht es nicht einfach zu, aber persönlich. Auch wenn Petrus dann die zusammenfassende Ansprache übernimmt, alle reden von Gottes Taten, da sind sie alle gefordert und bereit, zu erzählen von Jesus, von dem menschenfreundlichen Gott. So zeigt sich Gottes Geist, in dem er überspringt auf Einzelne. Da wird es vielfältig, unterschiedlich, zuweilen ein Sprachengewirr, aber machtvoll, wirkungsvoll. Pfingsten erscheint uns als eher unanschauliches Fest. Wir fragen, was ist der Geist? Die Frage müsste aber eher heißen: Was bewirkt der Geist? Was bewirkt der Geist bei mir und durch mich? Der Heilige Geist, der Geist von Gott, wird euch alles lehren, was ich euch gesagt habe, so erklärt es Jesus im Johannes-Evangelium den Freunden und Freundinnen. Wenn ihr in meinem Geist lebt, dann wirkt der Geist Gottes durch und in euch. Wenn wir bezogen bleiben auf Jesus, sein Leben aus dem Vertrauen auf Gott. Pfingsten zieht uns mit in die Sache Gottes hinein. Wir werden in die Verantwortung genommen. Da gibt es keine Distanz, sondern nur ein durch uns hindurch. Prüfet die Geister heißt es dann später in den Briefen des Neuen Testaments. Denn daran sind wir natürlich genauso beteiligt. An der Verbreitung von Ungeistern. Vom Ungeist der Verschwörungstheorien können wir uns gerade ein buntes Bild machen. Für sich ist manches Abstruse eher harmlos, aber im Vielklang des Blödsinns zieht es Menschen aus der Solidarität, aus dem verständigen Füreinander sorgen heraus, schürt Misstrauen und Aggression und nährt den Hass der Radikalen. Achte jeder darauf, was er dazu beiträgt. Professor Walschburger wird in der Zeitung gefragt, was denn helfen könne in dieser durchaus komplexen und eben nicht einfachen Zeit. Er meint, Menschen bräuchten Menschen, die verständig mit ihnen sprächen. Ein Dialog über das Leben, wie es ist, mit seinen ganzen Verwicklungen, Ängsten, Fragen, Unsicherheiten, ein Gespräch, keine Belehrung, ein Gespräch aus einem Geist, der Freundlichkeit und klares Denken ermögliche. Ja, wenn das nicht auch eine schöne Beschreibung für den Geist von Jesus Christus ist: Freundlichkeit und klares Denken. Möge sich Gottes Geist auf einen jeden, auf eine jede von uns setzen, dass wir in aller Vielfältigkeit und Verschiedenheit die großen Taten Gottes erzählen, wie Petrus das nennt. Taten der Güte und Zuwendung, der Menschlichkeit und Sensibilität für andere Menschen. Das ist dann vielleicht keine einfache Lösung, aber eine, die uns allen hilft. 

Exaudi

heißt der Sonntag zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Er hat seinen Namen von Psalm 27,7 „Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe.“ „Ist da jemand, ist da jemand“ heißt es in einem Popsong, der im letzten Jahr in einem Konfirmationsgottesdienst als Einstieg in die Predigt gespielt wurde und diese Sehnsucht, dass da mehr ist zwischen Himmel und Erde, in Worte und in Musik fasst.

Die Sehnsucht nach einem, der wie ein liebender Vater, wie eine liebende Mutter oder ein Freund mich sieht, beschützt, mir hilft, die richtigen Wege im Leben zu finden und mich am Ende meines Lebens erwartet. Wie kann diese Sehnsucht in Hoffnung und Zuversicht verwandelt werden? In dem man zu ihr steht und sie anderen mitteilt, sie mit anderen teilt. Das ist nicht einfach. Das ist schwer, denn da kommen die Themen „Abschied“ und „Trauer“ ins Spiel. Nun war er weg. Jesus hatte sich von seinen Jüngern verabschiedet und war in den Himmel aufgefahren. Seine Jünger blieben auf der Erde nicht mit einer Leere zurück, sondern mit einem Versprechen Jesu. Er versprach „den Tröster“ zu schicken, den Heiligen Geist. Statt Leere war da Erwartung auf die Erfüllung eines Versprechens.

Nun war er weg und ich hatte mich nicht verabschieden können. Mein Großvater starb überraschend an einem Herzinfarkt, als ich 17 Jahre alt war. Ein Großvater, der mich liebte und mich das spüren ließ. Er war einfach weg und meine Großmutter blieb in unendlicher Trauer zurück. Bei etlichen Besuchen teilte ich ihre Trauer: den täglichen Gang auf den Friedhof und das anschließende Verweilen auf einer Bank. Meine Großmutter wiederholte ganz oft den Gedanken: `Ich wäre so gerne bei ihm im Himmel.´ Ihre Sehnsucht erlebte ich so eindrücklich, dass ich anfing, an den Himmel zu glauben und viele Jahre mich mit dem Gedanken tröstete: `Wenn ich mal im Himmel bei Gott bin, dann kriegt der von mir was zu hören. Wie konnte er Opa so unvermittelt zu sich holen und uns keine Zeit zum Abschiednehmen lassen?´ Ich weiß, das klingt naiv. Aber es hat geholfen. Später, als Theologiestudentin, begegnete ich den Jesus-Geschichten vom Reich Gottes neu. Ich hatte sie in Kindergottesdiensttagen mit Interesse gehört. Nun dachte ich dabei auch immer wieder an diese Situation: Mit Oma auf der Bank auf dem Friedhof und unsere geteilte Sehnsucht nach dem Himmel. Die Liebe Gottes umfasst alles und alle. Sie ist immer da, öffnet den Blick für die Zukunft (Hoffnung) und schenkt Kraft, neue Wege zu wagen. Schon beim Propheten Jeremia lesen wir von dieser Hoffnung und Gewissheit: Jer.31,31 „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und dem Hause Juda einen Bund schließen…“. Jer. 31,33:“…ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein.“ (Predigttext für Exaudi 2020: Jeremia 31,31-34). Ein neuer Bund, nicht mehr gegründet auf Gebote und Gesetz sondern auf die Liebe. Eine Verbindung mit einem Gott, der liebt und vergibt, der barmherzig ist und gütig. In diesen Tagen wird das Grab meiner geliebten Großeltern aufgelöst. Aber die Beiden leben in meinem Herzen weiter und ich bin ihnen sehr dankbar für diese Erfahrung. Nun leben wir schon 11 Wochen mit Corona-Bedingungen. Die ganze Welt wurde auf den Kopf gestellt. Immer noch erfahren wir jeden Tag über neue Nöte, die entstanden sind, aber auch über die Chancen, die diese weltweite Krise bietet.

Was ist „Normal“?

"Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet."

Viele Grüße aus meinem Urlaub. „Normalerweise“ würde ich nun im Urlaub an einem Strand auf einer Griechischen Insel liegen. So bin ich es gewohnt. Nun, Corona sei Dank, muss ich meinen Urlaub auf meinem Balkon machen. Auch schön - mit Blick auf die Hammeweiden. Rehe und Fasanen kann ich sichten, und Habichte kreisen über die Weiden.

Im Fernsehen wird berichtet, dass die Strände in Thailand Menschenleer sind. Delphine tummeln sich nun dort, wo Menschen sich im Meer vergnügt haben. Die Flugzeuge sind geerdet. So auch wir. In Venedig entdeckt man wieder Fische in den Kanälen. Das Wasser ist so klar, dass man Quallen sichten kann. Kreuzfahrtschiffe stören die Ruhe nicht. Aus Los Angeles, New York und Atlanta wird berichtet, dass man wieder den Blauen Himmel sehen kann. Smog frei. Normal ist das ganze nicht.

Es tun sich Schattenseiten auf. Krankenschwestern und Pfleger, seit langem schon unterbezahlt leisten nun die rettende Arbeit. In vielen Ländern haben Menschen keinen Zugang zu einem Gesundheitssystem. Die Krise trifft die Schwächsten, Alte, Menschen mit Vorerkrankungen und die Armen. Hier in Deutschland stehen wir mit unserem Gesundheitssystem noch ganz gut da. Aber es offenbaren sich im schulischen Bereich drastische Probleme. In vielen Schulen funktionieren die Sanitäreinrichtungen nicht und für den digitalen Unterricht fehlt es an allen Ecken und Enden.

Und dann gibt eEs gibt den Ruf: „Zurück zur Normalität“! Es geht um die Wirtschaft, Arbeitsplätze und um unseren Wohlstand. Menschliche Existenzen sind bedroht. Die Sorge um die Gesundheit steht der Sorge um die wirtschaftliche Existenz gegenüber.

Aber was heißt hier „Normal“? Klar ist, dass der Weg zurück ins bekannte „Normal“, auf die eine oder andere Weise versperrt ist und auch bleiben wird. Er wird auch dann versperrt bleiben, wenn es einen Impfstoff geben sollte. Hände waschen, Abstand halten, Hygiene Vorschriften, und auch die Masken werden mal-mehr-mal-weniger zur Normalität gehören. Das ist auf den ersten Blick schon Mal das „Neue Normal“. Ganz anders als wir es gewohnt sind. Wir werden uns daran gewöhnen.

Es geht aber um eine viel tiefere Frage. Wollen wir zurück in den Smog, zurück ins Flugzeug, aufs Kreuzfahrtschiff? Das Flugzeug und das Kreuzfahrtschiff sind für mich die Chiffren für eine Spaßgesellschaft, die auf Kosten der Natur, die Welt besichtigt hat, nach der Devise: „Man lebt nur einmal, man muss die Welt gesehen haben.“ Die CO2 Bilanz ist verheerend. Sie sind auch zu Gesundheitsfallen geworden. Oder wollen wir unsere Kinder zurück in delapidierte Schulen schicken. Alles Zeichen dafür, dass sich etwas ändern muss; ein „Neues Normal“ gefunden und entdeckt werden muss.

Wie das „Neue Normal“ aussehen wird, vermag ich jetzt so noch nicht zu sagen; es wird sich erst mit der Zeit herausbilden. Ein Gebet aber gehört dazu. Zum Gebet gehört die Bitte zur Veränderung, dass es besser wird als vorher. Ein Gebet wendet sich an den, der mehr sieht als wir. Es wendet sich an den, der das Versprechen auf eine Faire, eine Gerechte, menschlichere und liebende Gesellschaft immer noch in den Händen hält.

Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder! (Psalm 98,1)

Ein kleiner idyllischer Ort in Nordschweden. Hier kennt jeder jeden. Nach einem schweren Herzinfarkt kehrt der Stardirigent Daniel Dareus in seinen Heimatort zurück und übernimmt zunächst unwillig den bunt zusammengewürfelten Kirchenchor der kleinen Gemeinde. Mehr und mehr zeigt sich wie durch seine besondere Art der Proben tief Verborgenes an die Oberfläche dringt. Lange schwelende Konflikte brechen auf, die ganze Bandbreite menschlicher Sorgen und Nöte tritt zu Tage. Doch zunehmend findet der Dirigent mit Hilfe der Musik einen Weg in die Herzen der Menschen. Sie spüren, dass gerade im Singen eine unbändige Kraft der Veränderung liegt; auch die Kraft, aus dem bisherigen Leben auszubrechen; heilende Kraft für Leib und Seele. So erfüllt sich schließlich sein Lebenstraum und am Ende stimmen alle in den einen gemeinsamen Ton ein. Und es ist „Wie im Himmel“!

So lautet dann auch der Titel dieses wunderbaren Films von Kay Pollak aus dem Jahr 2005. Und gerade Chorsängerinnen und Sänger kennen dies aus eigener Erfahrung: Singen befreit und macht Mut. Singen schafft Verbundenheit über Grenzen hinweg und öffnet neue Perspektiven. Singen lässt die Seele tanzen inmitten der Härten unserer Welt.

Da ist es für manch einen, neben vielem Andren, ein großer Kummer, dass seit nunmehr 8 Wochen keinerlei Chorproben mehr stattfinden dürfen. Es fehlt die vertraute Gemeinschaft. Es fehlen die unbeschwerten Höhen und Tiefen. Es fehlt der befreiende, tröstende Gesang, der manchen Kummer des Alltags in den Hintergrund treten lässt.

Doch vielerorts sind Menschen kreativ geworden, treffen sich mit entsprechendem Sicherheitsabstand in den Nachbarschaften, stimmen gemeinsam „Der Mond ist aufgegangen“ an. Und gerade auch das aus vollem Herzen gesungene „Christ ist erstanden“ am Ostersonntag hat mich tief berührt.

Inzwischen gibt es in der Corona-Pandemie erste Lockerungen und auch Gottesdienst dürfen unter vielfältigen Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen wieder gefeiert werden – das ist eine gute, ermutigende Nachricht. Doch der Wermutstropfen wurde umgehend mitgeliefert: „Auf gemeinsamen Gesang ist zu verzichten!“ Wegen der Aerosole besteht ein erhöhtes Infektionsrisiko. Und wie sollte es auch gehen: Kräftiger, fröhlicher Gemeindegesang unter dem dringend empfohlenen Mund-Nase-Schutz, wo doch bereits beim Sprechen die Brille beschlägt?!

Wie kann also unser Gesang unter diesen Umständen aussehen – gerade an diesem Sonntag ‚Kantate‘, der uns ja bereits mit seinem Namen zum Singen in der österlichen Freudenzeit auffordert?!

Vielleicht sind da unsere Gottesdienste in dieser Zeit Gottesdienste der singenden Herzen. Ein inwendiges Singen mit leisem Summen hinter der Maske. Ein hörendes Singen beim Klang der Orgel. Ein achtsames Wahrnehmen und Spüren, welche Saiten Worte und Töne in mir zum Klingen bringen:

 

„Lob Gott getrost mit Singen, frohlock, du christlich Schar!

Dir soll es nicht misslingen, Gott hilft dir immerdar.

Ob du gleich hier musst tragen viel Widerwärtigkeit,

sollst du doch nicht verzagen; er hilft aus allem Leid.“

Übrigens – es darf laut und kräftig gesungen werden: zu Hause, im Garten, bei Spaziergängen in der neu erwachten Natur, beim Radfahren, im Auto…

Und gewiss werden sich unsere Stimmen auch wieder im Gottesdienst vereinen und es wird klingen – wie im Himmel. Bleiben Sie gut behütet!

 

Pastorin Christa Siemers

„Der Krieg wurde am 8. Mai beendet - aber er hörte nicht auf“

von Dr. Gert Schwieger

 

9.April 1945. In Flossenbürg und anderen Orts werden die letzten prominenten Gegner der Nationalsozialisten bestialisch ermordet, darunter Dietrich Bonhoeffer.- „Diese Leute dürfen uns nicht überleben!“ Und auch im Kleinen wütet überall noch der Terror gegen Menschen, die endlich keinen Krieg mehr wollen. Sie wissen es alle: Der Krieg ist verloren. Doch die Reaktionen sind unterschiedlich: „Endlich Frieden.“, „Kampf bis zum Letzten.“ „Wir kapitulieren nicht!“

So hatte die Propaganda es ihnen eingehämmert. Manche folgten dem immer noch: „Wenn schon nicht Endsieg, dann wenigstens ´heldenhafter Untergang`“. Wer sich dem entgegenstellte, musste als „Defätist“ sterben. Widersinn und Verblendung bis zuletzt.

Ein Monat später: Die Kapitulation. Das Ende des Krieges in Europa. Die totale Niederlage des Deutschen Reiches. Nicht Wenige, die gerade noch zum Durchhalten aufforderten, hatten sich in den Selbstmord geflüchtet. Andere würden ihnen anschließend noch folgen. Sie weigerten sich, ihre Verantwortung anzunehmen: „Nach uns die Sintflut! Deutschland hat es nicht verdient, weiter zu leben!“

Kriegsende. Niederlage, Befreiung, „Stunde Null“. Neuanfang in und aus den Ruinen? Das, was nun kam, ist von Legenden umwoben. Von individuellen und offiziellen Erzählungen, Erklärungen, Wahrnehmungen. Das, was man heute die „Narrative“ der Überlebenden nennt.

Ging der Krieg wirklich am 8.Mai zu Ende? Im Fernen Osten nicht. Er endete erst mit dem Abwurf der ersten Atombomben. Jener Waffen, deren Einsatz ursprünglich über deutschen Städten erfolgen sollte. Deutschland kapitulierte „zu früh“, um diesen Schrecken zu erleben.

Aber der Schrecken blieb oder kam auch ohne dies. “Flucht und Vertreibung forderten neue Opfer, Recht und Ordnung waren fern. Nicht selten bis an die Grenze zur Anarchie. Die Versorgung mit grundlegenden Gütern menschlicher Existenz brach zusammen.“ Hunger und Not, Verlust und Suche nach Angehörigen. All das blieb. Und die bange Frage: Was soll nun werden. Was geschieht mit uns?

Gar nicht zu reden von den ungelösten, durch Krieg und Kriegsende heraufbeschworenen Konflikten. In Ostasien, im Vorderen Orient, in Europa, in der ganzen Welt. Ihre Geschichte begleitet uns bis in die Gegenwart. Und wie wir Deutschen in der Welt wahrgenommen werden – das hat oft immer noch mit dem Kriegsende zu tun. „Der Krieg ist beendet, doch der Krieg hört nie auf.“

Deutschland, große Teile Europas waren damals verwüstet. Verwüstet die Bauten, die Infrastruktur, zerstört ganze Familien, vernichtet ganze Bevölkerungsgruppen. Mehr noch: Die Verwüstung reichte bis weit hinein in die Seelen der Menschen. Historiker sprechen daher auch von einem geistig, mental, gefühlsmäßig zerstörten Kontinent.

Der 8.Mai ist, wie ein ehemaliger Bundespräsident es einst formulierte, Tag der Befreiung. Aber auch der Beginn fortdauernder Belastung. Die Geschichte Europas und die Geschichte der Deutschen blieb davon geprägt. Geschichte schüttelt man nicht so einfach ab. Unbestritten bleibt die Aufbauleistung. In West u n d Ost! Wer hätte 1945 und in den Jahren danach angesichts der Schuttberge und Verwüstungen daran geglaubt. Der Generation des Wiederaufbaus gebührt dafür Respekt und Anerkennung.

Unsere Städte wurden aufgeräumt. Erstanden neu. Wirtschaft und Lebensstandard wuchsen. Das ist das eine. Zugeschüttet, wenn nicht gar abgeschüttelt wurden aber große Teile unserer Geschichte, die Frage nach den Verantwortlichkeiten: „Einmal muss doch Schluss damit sein!“ Nicht umsonst

wurden NS-Belastete schon sehr früh wieder in ihre „Rechte“ eingesetzt, während es bis in die Neunziger Jahre dauerte, bis die Unrechtsurteile gegen Bonhoeffer und andere aufgehoben wurden. Diese Verdrängung holt uns immer wieder ein: In den Jahren der „Achtundsechziger“, die endlich den Schutt des vergessen Wollens forträumen wollten. Und sich dafür heute hämisch als „Alt-Achtundsechziger“ bekritteln lassen müssen. Und am Ende auch im Ereignis der Wiedervereinigung und dem, was auf sie folgte.

Der Krieg wurde am 8.Mai 1945 beendet. Aber er hörte damit nicht auf: Das Verdrängte, das unter Aufräumschutt Begrabene kommt immer wieder zu Tage. Wir werden immer wieder davon eingeholt. Der Umgang mit unserer Geschichte, den politische „Populisten“ heute pflegen, ist ein Indiz dafür. Aber auch die Vorbehalte, denen Deutschland in Europa immer wieder begegnet. Wir sollten sie nicht unterschätzen! Unbeschadet dessen: Europa ist trotz allem das Beste, was uns passieren konnte. Es bescherte wenigstens u n s 75 Jahre Frieden.

Gedanken zu Psalm 31,9: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“

Ein Wort, das durchatmen lässt. Mich erinnert es an den Berg der Seligpreisungen, den wir während unserer Gemeindefahrt 2018 in Nordisrael kennenlernten: der gepflegte Garten, der sanft zum See hin abfällt. Palmen, blühende Orangenbäume und Hibisken. Und natürlich der atemberaubende Blick auf das Galiläische Meer, den tiefblauen See Genezareth, dessen entferntes südliches Ufer im Schönwetterdunst verschwindet. An den Rändern des Weges Zitate aus der Bergpredigt Jesu: „Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden. Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“  (Matthäus 5,6f.)

„Immer Abstand halten“ ermahnt mich eine ältere Dame im Supermarkt um die Ecke. Freundlich weist sie auf die rot-weißen Klebestreifen auf dem Boden hin. Eigentlich dachte ich, ich hätte mich richtig hingestellt. Diese 150 cm gehören doch mir!?  Am Käsetresen ist anscheinend alles nicht so einfach. „Wiir haben es hier in Osterholz-Scharmbeck  ja noch gut. Wenn man die Berichte über Süddeutschland hört...“

Sie hat recht. Anderen geht es entschieden schlechter. Und vieles wird getan, auch und gerade im Kleinen. Nicht nur unsere Kirchengemeinde bietet alleinlebenden älteren Menschen an, für sie einzukaufen. Gerade Jüngere denken in dieser Situation an diejenigen, die Hilfe brauchen.

Hilfe wird auch auf europäischer Ebene geleistet, wenn etwa Schwerkranke aus dem französischen Elsass in deutsche Kliniken geflogen werden, wo Intensivbetten zur Verfügung stehen. Trotzdem starben in Italien viele schwerstkranke Corona-Patienten, die geringere Überlebenschancen hatten als  Menschen ohne Vorerkrankungen. Der schönklingende Begriff für das Sortieren in drei Kategorien, das greift, wenn nicht genügend Beatmungsgeräte für alle da sind, heißt ‚Triage‘. Ein Verfahren, vor dem jeder Arzt und jede Ärztin zurückscheut. Was würde man in Deutschland sagen, wenn viel mehr transportfähige Patienten aus dem europäischen Ausland nach Deutschland geflogen würden und man auch bei uns danach schaute, wer gute Heilungschancen hat und wen man am besten gleich aufgibt? Wie sähe unsere Reaktion aus, wenn alle Beatmungsmaschinen auf europäischer Ebene zentral verwaltet und ohne Beachtung der Nationalität zugeteilt würden? Warum nur im Warenverkehr europäisch oder gar global denken? Die Prämisse bei uns lautet: Es müssen genügend Kapazitäten für deutsche Patienten vorgehalten werden. Aber warum eigentlich? Sind wir mehr wert als unsere Nachbarn? Gehört ein Deutscher bei der international bereits stattfindenden Triage automatisch in die obere Kategorie?

Jüngst hörte ich, man nähme es uns in Italien sehr übel, dass Deutschland einen Exportstop für Masken und Schutzkleidung erlassen habe. Italien fühle sich alleingelassen, wie schon bei der Flüchtlingskrise. Die gibt es immer noch, obwohl sie in den Nachrichten kaum mehr auftaucht. Der weite Raum, den die christliche Tradition auch der Menschenliebe eröffnen möchte, hat sich auf die Ausmaße einer Rettungsinsel zusammengezogen. Der barmherzige Samariter, jenes allzu bekannte Symbol der Nächstenliebe, scheint vergessen: Ausgerechnet ein verhasster ‚Ausländer‘ hilft einem Juden, und nur er. Unser weiter Raum ist klein geworden, zu klein für einen lebendigen christlichen Glauben. Es gilt das Motto: Rette sich, wer kann! Und wer nicht kann, der muss eben sehen, wo er bleibt.

Als ich vor zwei Jahren das südafrikanische Kapstadt besuchte, habe ich die Township Khayelitsha kennengelernt. Khayelitsha bedeutet „Neue Heimat“. Selbst unser Guide, der in der  Neuen Heimat lebt und arbeitet, konnte nicht sagen, ob dieser Slum 1,2 oder 1,5 Millionen Einwohner hat.

Dort versucht man momentan, die Regeln des Nordens zur Begrenzung der Corona-Infektion zu vermitteln. Bewohner der dicht an dicht gebauten Wellblechhütten werden an der Tür anhand eines Bogens befragt, wann sie zuletzt in China oder Europa waren. Die Antwort ist zumeist schallendes Gelächter. Einige haben noch nicht einmal das weiße Zentrum Kapstadts gesehen. Auch wenn die braven Hilfskräfte auf die Hygiene- und Abstandregeln hinweisen, ist die Reaktion bestenfalls Hilflosigkeit. Wie soll man Lebensmittelvorräte finanzieren?

Wir nähern uns einem  sechs Meter langen Normcontainer, wie er in besseren Zeiten häufig an den geschlossenen Bahnschranken der Bremer Straße zu sehen war. Dort lebe eine sechsköpfige Familie, die bereit wäre, mit uns zu sprechen und uns ihr Heim zu zeigen.

In die Wand des Containers sind zwei Löcher geschnitten: ein großes für die Tür, ein kleines für ein Fenster. Schnell entpuppt sich der Container als Zweifamilienheim. Die Wohnung, aus nur einem Raum bestehend, ist drei Meter breit und drei Meter tief. Die Familie lebt auf neun Quadratmetern. In einem zentralen Backsteingebäude gibt es Trinkwasser. Dort kann man auch die Fäkalien entsorgen. Über die Stromversorgung wird nicht gesprochen. Eigentlich gibt es nur im Backsteingebäude elektrischen Strom, wobei man Münzen in einen Automaten werfen muss. Aber alle Hütten haben sich illegal an das Netz angeschlossen. Ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen.

Heute frage ich mich: Wie sollen hier Abstandregeln eingehalten werden? Wie soll man hier auf Hygiene achten? Der einzige Erfolg scheint zu sein, dass die Zahl der Morde seit der Quarantäne massiv sinkt; die Männer bekommen kaum noch Alkohol.

Familienoberhaupt ist hier die Großmutter. Ihre fünf Enkelkinder sind Waisen. Auch in anderen Teilen Südafrikas hat Aids gerade die Generation der Ernährenden besonders stark betroffen.

Beim Abschied frage ich die alte Dame, die uns ihre Unterkunft gezeigt hat, ob ich sie fotografieren dürfe. Sie willigt ein, stellt sich vor mich hin und nimmt die Gebetshaltung ein: die ausgebreiteten Arme, die nach oben geöffneten - leeren - Hände. Von oben erwartet sie Hilfe. Nicht von ihrer Regierung, sondern von Gott. Und von uns?

Lange schienen deutsche Hilfsorganisationen mit internationaler Perspektive von der Corona-Pandemie völlig überrollt. Mittlerweile bietet das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche im Rahmen der Diakonie Katastrophenhilfe gezielte Projekte an.

Eine Beschreibung und die Möglichkeit zu helfen finden Sie unter

https://www.diakonie-katastrophenhilfe.de/projekte/corona-virus

Gert Glaser, Osterholz-Scharmbeck

Kontraste

Keine Wolken am Himmel. Schon seit Tagen. Die Sonne tut gut, ohne Frage, denen, die zuhause bleiben müssen und denen, die nach der Arbeit noch ein bisschen Wärme und Licht tanken.

Das Kelleraufräumen wird unterbrochen, der Staub von der Hose geklopft, durchgeatmet.

Wer kann, fährt mit dem Rad zur Arbeit. Frühlingsfrieden erquickt die Seele. Und die Menschen in ihren Gärten haben schon wieder ein gemeinsames Thema: Es ist viel zu trocken!

Bilder, die ich in den Medien sehe, bleiben in diesen Zeiten länger haften. Immer noch die Särge aus Bergamo. Oder aus dieser Woche das Bild eines Krankenpflegers in den USA, der zwischen den Autos steht, aus denen heraus Menschen gegen die von ihren Gouverneuren angeordneten Maßnahmen demonstrieren – mit Waffen, mit Lärm und großer Ungeduld. In Angesicht meines Feindes – wer bei der Bekämpfung eines Virus vom Krieg spricht, ruft martialische Bilder auf.

Daneben tauchen andere Bilder auf. Die Ehrenamtlichen, die in diesen Tagen die „Tafel“ auf die Räder gebracht haben. Ich höre, wie schön das ist, so viel Freude zu sehen, wenn an die Tür gebracht wird, was in der kommenden Woche hilft, den Tisch zu decken.

Die Freundin, die abends online mit den Brüdern aus Taizé betet. Die vielen, die medial die Menschen in ihre Kirche hineinnehmen, damit diese sich erfreuen am Blick in das Haus Gottes, in dem sie zur Zeit nicht sein dürfen, aber dennoch bleiben wollen im Glauben.

Verwirrungen: Erst übertrumpfen sich die Länderchefs in der Verschärfung der Maßnahmen, nun wollen viele bei den Lockerungen die ersten sein. Wo geht es lang? Was ist die richtige Straße in dieser Krise – kontrollierte Infektionszahlen oder der Versuch, das Virus auszutrocknen?

Kann das überhaupt gelingen in einer vernetzen Welt? Menschenleben retten, Arbeitsplätze retten, wie lässt sich das vereinbaren, wo wird es gegeneinander ausgespielt?

Harte Kontraste zwischen den Arbeitswelten und Lebensbedingungen überall.

„Ihr wart wie irrende Schafe“ sagt der Predigttext aus dem 1. Petrusbrief (1. Petrus 2,21-25).

Meint er uns - in den leidenschaftlich bis erregt geführten Diskussionen um Maskenpflicht, Abstand halten, Shoppingfreiheit und Kneipenbesuche?

Meint er uns -  die wir fürchten, was noch kommt: Mit der Unsicherheit um Arbeitsplätze, um das gesellschaftliche Miteinander? In der Sorge der einen, dass in der Wirtschaft möglichst schnell „alles wie immer“ sein soll und der Hoffnung der anderen, dass sich nun endlich etwas verändern ließe?

In der Ohnmacht, dass so vielen Menschen ein Leben die Würde verwehrt wird – nicht nur durch „Corona“? Und dem Wissen, dass auch unser Handeln, Konsumieren und Sparen dazu beiträgt?

Ja, er meint uns. Seine Christengemeinde damals und heute.

Ihnen und uns sagt er: „Ihr wart wie irrende Schafe.“

Aber in Vergangenheitsform: Ihr wart, ihr seid es nicht mehr.

Ihr habt einen „Hirten euerer Seelen“ gefunden. Der Glaube an den Jesus Christus macht uns zu neuen Menschen: Er zeigt, dass unser Trost im Leben und im Sterben nicht auf unserem Tun beruht, sondern in Jesus Christus gründet. Der für uns den Weg ans Kreuz gegangen ist, damit wir leben.

Irren bleibt menschlich; wir bleiben Irrende und Suchende in unserem Denken und unseren Diskussionen.

Aber der Glaube gibt dem Blick eine Richtung. Auf Ostern, an dem etwas so viel Größeres geschehen ist als wir fassen können. Und von Ostern her zu den Menschen, die um uns sind, uns anvertraut.

Der Sonntag 25. April trägt den Namen der „Barmherzigkeit Gottes“ und bedenkt in seinen Texten, was es heißt, in diesem Gott einen guten Hirten zu haben. Darum lädt er in besonderer Weise ein zum Gebet. In einem Gottvertrauen, das trägt, in leichten und in schweren Zeiten des Lebensweges.

 

 

Der Herr ist mein Hirte,

mir wird nichts mangeln.

 

Er weidet mich auf einer grünen Aue

und führet mich zum frischen Wasser.

 

Er erquickt meine Seele.

Er führt mich auf rechter Straße

um seines Namens willen.

 

Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal,

fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir,

dein Stecken und Stab trösten mich.

 

Du bereitest vor mir einen Tisch

im Angesicht meiner Feinde.

Du salbst mein Haupt mit Öl

und schenkst mir voll ein.

 

Gutes und Barmherzigkeit

werden mir folgen mein Leben lang,

und ich werde bleiben

im Hause des Herrn immerdar.

 

Amen.

Corona-müde? Klar - aber langsam geht es auch!

Wie steht es um Ihre Geduld? Sind Sie noch guten Mutes bei der nötigen Sache oder können Sie das Wort Corona schon nicht mehr hören? Noch mal wieder wurden die Einschränkungen verlängert. Noch mal wieder zwei Wochen wird alles ausgebremst, was für uns doch ganz selbstverständlich zum Leben gehörte. Bewegungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, die Freiheit zu reisen, zu kaufen und zu verkaufen. Noch mal weiter greift die Unsicherheit um sich. Was wird aus meinem Job, was wird aus meinem alten Vater, was wird, wenn es doch mehr Patienten werden?

Natürlich wissen wir, dass Vorsicht geboten ist. Wir brauchen ja nur ein wenig die Nachrichten verfolgen. Aber das Wetter wird besser, sprich wärmer, die Natur lebt auf - und wir kennen die Spazierwege in unserer nächsten Umgebung nun doch schon zur Genüge. Natürlich wissen wir, wir müssen uns gedulden. Aber das geht doch nun schon - wie lange eigentlich? - Nun muss es auch mal gut sein.

Ist es nicht. Die Aussichten bleiben voller Unsicherheiten. Ein wenig Lockerung der strengen Auflagen hier und da. Das muss genügen. Das Virus ist unser Meister. Und wir haben uns zu beugen.

Der Widerstreit aber zwischen Vernunft und durchaus auch Angst auf der einen Seite und dem Wunsch nach unserem alten Leben voller Möglichkeiten und Freiheiten auf der anderen Seite, der hinterlässt Spuren. Und je länger es dauert, dieses Gefühl, verzichten zu müssen, ausgeliefert zu sein, kein Ende absehen zu können, desto mehr unterhöhlt es alle Einsicht, alle Klugheit, alle Rücksichtnahme, alle Lust an der Ruhe. War eine interessante Erfahrung, könnte jetzt aber mal aufhören.

Hört es aber nicht. Ich denke, wem es so wie beschrieben geht, der muss sich sein Seufzen, seine Unzufriedenheit, seine Antriebslosigkeit nicht übelnehmen. Wir waren so was nicht gewohnt, wir konnten das so nicht erwarten, wir sind ungeübt, es trifft uns hart und unnachgiebig. Sich unruhig oder doch verzweifelt, ängstlich oder nur genervt, verstört oder hilflos zu fühlen, ist einfach nur verständlich.

Ich will Ihnen zwei Sichtweisen in dieser verunsichernden Zeit zur Seite stellen. Die erste ist eine lebensweisheitliche Geschichte von Johann Peter Hebel, spielt in einer Zeit vor 200 Jahren als sich unsere Moderne in ihrer Getriebenheit abzuzeichnen begann.

Auf dem Weg nach Basel wird ein Wanderer von einem schwer beladenen Fuhrwerk eingeholt. Der Wagenlenker hat es offenbar eilig. Schaffe ich es noch bis Torschluss nach Basel, fragt er. Schwierig, antwortet, der Wanderer, aber wenn ihr langsam fahrt, vielleicht. Ich will auch noch dahin gehen, es sollten so zwei Stunden sein.

Witzbold, denkt sich der Fuhrmann. Wenn ich langsam fahre, zwei Stunden. Das schaffe ich doch locker in anderthalb und gibt den Pferden die Peitsche, dass die Steine davonfliegen, die Pferde die Eisen verlieren, ein Rad sich lockert. Was soll’s, denkt der Fuhrmann, erst ein Achsbruch zwingt ihn zu halten. Über Nacht muss er im nächsten Dorf bleiben, Basel unerreichbar. Als der Wanderer auf seinem Weg in dem Dorf vorbeikommt, sagt er noch: Ich habe es euch gesagt: Wenn ihr langsam fahrt.

Können Sie Ihre Sympathie dem Wanderer schenken? Auch wenn der Ratschlag der Geschichte zu klar auf der Hand liegt? Betreibe deine Dinge angemessen, dann kommst du eher ans Ziel, als wenn du es erzwingen willst. Das fällt nicht schwer auf unseren Umgang mit Corona zu beziehen. Das sagen uns Regierende und Experten immer wieder: mit Augenmaß und mit nötigen Grenzen unser Leben jetzt führen, dann erleiden wir keinen Achs- und Wagenbruch. Sympathie für den Wanderer? Auch er hat ein Ziel, das er erreichen will. Aber er schätzt seine Möglichkeiten richtig ein. Für ihn ist es kein Verzicht, sondern die richtige Lösung. Und so geht er zwar stetig, aber ruhigen Schrittes, schaut sich um in der Natur, kämpft nicht mit den Schlaglöchern seiner Straße, sondern hüpft über sie hinweg. Und geht mit federndem Schritt durchs Dorf hindurch, wo der Wagenlenker verzweifelt stecken bleibt.

Die zweite Sichtweise, die ich Ihnen in Ihre Corona-Zeit mitgeben will, ist die Stimme des Propheten Jesaja, der seinen mutlosen Zeitgenossen zuruft: Was jammert ihr da rum: „Mein Weg ist Gott verborgen, meine Hoffnungen sind ihm egal“. Ihr habt ja keine Ahnung: Gott ist unermüdlich: Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Jünglinge werden vielleicht müde und matt und Männer straucheln und fallen, aber die auf Gott bauen, bekommen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

 

Das ist ein Appell, sich den Blick nicht verstellen zu lassen auf diese Energie Gottes, die viel mehr aushält als unsere Ermüdung. Mit Gott auf dem Weg sein, das meint, die eigene Mattigkeit zuzulassen, aber sich ihr nicht zu überlassen. Sich von Gott an seine Gabe des Lebens erinnern zu lassen, das meint, lebensklug und angemessen den Weg weitergehen, mit Gott auf dem Weg sein, das meint sich von Gott mehr anstecken zu lassen als von einem Virus, sich den Weitblick nicht verstellen zu lassen, wie es gut weitergeht, wenn die Masken auf Dauer abgelegt werden.

Eckhard Gering

Ein Schatten von Karfreitag liegt über Ostern – Oder den Finger in die Wunde legen.

von Pastor Martin Ruttkies

Es ist Karfreitag. Ich würde mich jetzt innerlich auf den Karfreitagsgottesdienst vorbereiten, aber der findet nicht statt. Die Kirchen sind geschlossen. So etwas gab es noch nicht, dass am Karfreitag die Gottesdienste ausfallen. So finde ich Zeit, das Wort zum Sonntag, zu Ostern 2020, zu schreiben.

Ich würde gerne etwas über den Sieg Gottes über den Tod schreiben. Vom Zeichen des Frühlings, über das erwachende Leben in der Natur als Gleichnis für die Auferstehung. Aber in den Nachrichten finde ich Zahlen, die mich erschrecken. Heute Morgen zählte man in Deutschland 2423 am Virus Verstorbene. England knapp 8000. Frankreich 12300, Spanien 15500, USA fast 17000, Italien 18300. Zahlen, die einen betäuben, Zahlen die auch noch in den nächsten Wochen anwachsen werden. In den USA rechnet man bis August mit 60000 Toten. Hinter jeder Zahl verbirgt sich ein Name, ist eine Familie mit gemeint, Freunde, Nachbarn.

Hinzu kommt, dass viele Existenzen bedroht sind. Zuhause bleiben heißt es. Und was sich auch zeigt ist, dass es die Schwachen trifft. Die Alten, aber auch die, die keinen Zugang zu einer medizinischen Versorgung haben, wie in den USA oder in Afrika.

Der Schatten von Karfreitag liegt über Ostern, der den Ostergruß. „Christus ist auferstanden, ja er ist wahrhaftig auferstanden!“ fast verstummen lässt. Ich würde ihn gerne gegen die Zahlen schleudern, aber sie werden weiterwachsen. Und in den Kirchen werden wir auch zu Ostern und danach in absehbarer Zeit keine Gottesdienste feiern können.

Wir werden alle gezeichnet sein, wenn dieser Virus sich ausgetobt hat oder bis wir einen Impfstoff gefunden haben.

Aber vielleicht ist ja dies gerade auch die Geschichte von Ostern. Wir können von Ostern nicht ohne Karfreitag erzählen. Der Gekreuzigte ist auferstanden. Es ist eben kein abstraktes Auferstehen, als wäre es, ohne diese Zahlen mit all ihren Namen zu denken.

Und da lohnt es sich dann doch nochmal die Geschichten der Auferstehung Jesu genauer anzuschauen. So wie wir gezeichnet aus dieser tödlichen Bedrohung kommen dürfen, so erschien Jesus auch als Gezeichneter. Die Menschen, denen er erschien, wie den Emmaus- Jüngern, Maria und Martha, oder auch Thomas, erkannten ihn als Auferstandenen nicht sofort. Sie erkannten ihn erst, als sie seine Wunden sahen und er mit ihnen das Brot brach.

Ostern ist eher ein verborgenes Fest, noch nicht sichtbar, und nur für den zu erkennen, der die Wunden erkennt und nicht wegschaut oder gar wie Thomas es tut:  Den Finger in die Wunde legt. Dass Jesus von den Toten auferstanden sein soll, ist für ihn erst einmal fake News. Kann ja jeder behaupten. Erst als er seinen Finger in seine Wunde legen konnte, erkannte er ihn.

Den Finger in die Wunde legen. Dieses Sprichwort hat seinen Ursprung in dieser Geschichte. Wenn wir diesen Virus dann tatsächlich mal überwunden haben sollten, dann gilt es ebenso wie Thomas es tat, den Finger in die Wunde zu legen. Fragen zu stellen, wie konnte es soweit kommen? Was müssen wir ändern?

Ostern ist dann nicht das Feiern einer heilen frühlingshaften Welt, sondern der Beginn eines neuen Anfangs.

Wege

Viele Menschen bleiben aus Vernunft oder gezwungenermaßen zu Hause. Gewohnte Wege fallen weg: Für viele der Weg zur Arbeit, der Weg zur Schule oder in die Kindertagesstätte, der Weg zur Sportgruppe oder zum Kaffeetrinken mit der Nachbarin.

Es bleiben die Wege zum Bäcker oder in den Supermarkt, der Weg zum Arzt, wenn es unbedingt sein muss. Sonst bleibt noch das Spazierengehen, aber auch das oft allein. In den letzten 14 Tagen habe ich viel mehr Menschen als sonst allein unterwegs gesehen. Interessanterweise wirken nur manche unzufrieden darüber, andere machen den Eindruck, ganz bei sich und dabei recht zufrieden zu sein.

Manchmal ist die äußere Situation ein Spiegelbild der inneren. So legen wir auch im übertragenen Sinn manche Wege allein zurück – manchmal schwere, mitunter auch sehr schöne -, andere Wege sind geprägt von Weggefährten, die untrennbar mit diesem Weg zusammengehören.

Am Palmsonntag gibt es viele Weggefährten für Jesus. Als Messias zieht er in Jerusalem ein. Viele Menschen begrüßen ihn als Sohn Davids, einer anderen Formulierung für den erwarteten Retter. Ob es Jesus gefallen hat, sagen uns die Evangelien gar nicht, aber ich nehme es an. Diesen Zuspruch wird er genossen haben, oder richtiger: sich gefreut haben, dass diese Menschen verstanden haben, wofür er steht. Und zugleich wird er geahnt haben, dass sein Weg anders weitergehen würde. Diese Weggefährten fehlen, als andere das Kreuzige ihn! rufen. Wir wissen es nicht, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es dieselben Leute gewesen sein sollen.

Am stärksten wird es Jesus getroffen haben, dass seine engsten Weggefährten, die Jünger, ihn in der entscheidenden Stunde verlassen haben. Davon ist jedoch am Palmsonntag noch nichts zu sehen.

Momentan sehen längst nicht alle unserer Mitmenschen, wie es weitergehen wird, weder wirtschaftlich noch ganz persönlich. Die Coronakrise hat für eine ganze Reihe von Selbständigen und Freiberuflern, aber auch von Arbeitnehmern quasi über Nacht eine Bedrohung der Existenz herbeigeführt. Es passt erschreckend zu dem Umschwung, den Jesus von Palmsonntag bis Karfreitag erlebt hat. Sicher lässt sich beides nicht einfach gleichsetzen, aber die Erfahrungen ähneln sich schon in manchen Punkten: aus einer hoffnungsvollen Situation (vor Corona) entsteht in kurzer Zeit eine höchst bedrohliche Lage.

Wir wissen, dass der Weg Jesu, der an Palmsonntag hoffnungsvoll ausgesehen hat und an Karfreitag in einem scheinbaren Fiasko endete, eben dort nicht endete, sondern dass nach Karfreitag Ostern folgte. Wir dürfen die Parallelen nicht überstrapazieren, aber es zeigt uns deutlich: Gott hilft dem Leben zum Sieg. Gott steht denen bei, die es momentan schwer haben und ganz oft hat er für uns eine Perspektive parat, die über den ganz kritischen Punkt hinausführt zu neuer Zuversicht und neuem Glück.

So kann der Weg Jesu uns auf unseren aktuellen Wegen Mut machen, gegen den Augenschein zu vertrauen und dem Neuen und Lebendigen entgegenzugehen.

 

Georg Ziegler, Pastor

Offene Kirchen

Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. 2. Timotheus 1,7

Informationen zum Umgang mit dem Coronavirus in Offenen Kirchen

Offene Kirche sind ein wichtiger Ort für Menschen um ihre Anliegen, ihre Sorgen und ihren Dank im Gebet und in Andacht vor Gott zu bringen. Dennoch erfordert es der Schutz vor dem Coronavirus, dass besondere Maßnahmen getroffen werden. Dazu gehört auch die Schließung von Kirchen. Die Ev.-luth. Landeskirche Hannovers schreibt: „Die Empfehlung, Kirchen offen zu halten für stilles Gebet und Andacht, halten wir nicht weiter aufrecht. Ein hinreichender hygienischer Schutz ist nicht zu gewährleisten.“ Bitte haben Sie daher Verständnis, dass die Kirchen vorerst geschlossen bleiben müssen.

Nutzen Sie bitte die Möglichkeiten zu Gemeinschaft und Gebet über das Fernsehen, das Radio und das Internet. z.B. durch die Vorschläge auf dieser Seite: www.landeskirche-hannovers.de/Hinweise für Andachten und Gebete

Wir hoffen und beten, dass die Kirchen bald wieder geöffnet werden können.

 

Dieser Empfehlung unserer Landeskirche schließen wir uns aus Vernunft an, auch wenn es uns schwerfällt, unsere Kirche zu schließen.

Ihre Kirchengemeinde St. Marien

Sonntägliches Läuten als Einladung zum Gottesdienst zu Hause

Wie schon am letzten Sonntag, so haben wir auch heute Morgen (29.03.) bis 10 Uhr geläutet, wie sonst zum Gottesdienst. Es ist die Einladung zu Hause Gottesdienst zu feiern, wie immer das im Einzelnen aussieht. Manche nehmen an einem Gottesdienst im Fernsehen oder Radio teil, singen und beten möglicherweise mit. Für andere passt es vielleicht besser, zu Hause für sich in der Bibel zu lesen, darüber nachzudenken und Menschen in ihr Gebet einzubeziehen, die ihnen wichtig sind und deren Lage sie beschäftigt.

In der Kirche habe ich bei brennenden Altarkerzen die Lesungen für den Sonntag laut vorgelesen, auch wenn außer mir niemand in der Kirche gewesen ist. So erklingen die Worte der Bibel stellvertretend in dem Raum, in dem sonst die Gottesdienstgemeinde versammelt ist.

Diese Praxis will ich in der nächsten Zeit fortsetzen, so lange wir uns als Gemeinde nicht zum Gottesdienst versammeln dürfen. Mein Wunsch ist, dass sich alle verbunden fühlen, die andernfalls gerne zum Gottesdienst gekommen wären.

Seien Sie alle behütet und unter dem Segen Gottes,

Ihr

Georg Ziegler, Pastor

Ein Wort zum Sonntag - von Pastor Enno Kückens

Draußen vor dem Tor?!

„Bleiben Sie zu Hause!“  -  das ist die Botschaft dieser Tage aus der Politik, eindringlich empfohlen von medizinischen Experten.  „Der Norden bleibt zu Hause“ – so die eingeblendete Parole im NDR – Fernsehen.

In eigentümlichem Kontrast dazu stehen die Worte eines Bibeltextes, der dem Sonntag Judika (29. März) als Predigttext zugeordnet ist. Im Brief an die Hebräer wird der Ort beschrieben, an dem Jesus gekreuzigt wurde: „…draußen vor dem Tor“. Und die Leser*innen werden aufgefordert: „Lasst uns hinausgehen…und seine Schmach tragen.“ Dann folgt der abschließende Vers, den manche wohl kennen: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Brief an die Hebräer 13,12-14)

Der Kontrast ist kein Widerspruch: Auch zu Hause können wir überlegen, wozu der Verfasser dieser Briefzeilen uns auffordert: „Lasst uns hinausgehen…“, was die Worte bedeuten in Zeiten wie diesen, die manche Politiker mit einem „Krieg gegen einen unsichtbaren Feind“ beschreiben.

Ich will sagen, was mir dazu in den Sinn kommt – doch zuvor ein Wort zu jenem bekannten Vers von der „bleibenden Stadt“: Wenn uns eine Erkenntnis/Erfahrung heute nahekommt und umtreibt, dann die: „Wir haben hier keine bleibende Stadt!“

Denn dieses Bild sagt aus: Wir leben an unsicherem Ort, es gibt keine Garantie auf unversehrtes Leben! Wer die „bleibende (sichere) Stadt“ sucht, wird nach „draußen“ verwiesen, vor das Tor, zum leidenden, versehrten Jesus.

Das mag uns nicht wie ein sicherer Ort erscheinen, an dem es keine Sorgen und Ängste mehr gibt. Und doch ist das die Verheißung dieses Sonntags: Jesu Kreuz als Ort der Zuflucht, der Nächstenliebe.

„Lasst hinausgehen zu Jesus“ - warum? Bei ihm finden wir Trost. Beim leidenden Jesus sind wir mit unserem Leiden, unseren Ängsten gut aufgehoben. Und bei ihm hören wir ein Wort wie dieses: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan.“

Mit Staunen, Erleichterung und großer Dankbarkeit höre und lese ich von so viel Hilfe inmitten dieser Krise: für die Erkrankten; für die, die zu Hause allein sind; für die, die in wirtschaftliche Not geraten. Menschen, die sich um andere kümmern, oft bis an die Grenzen des Möglichen. Politiker*innen, die besonnen reagieren, Entscheidungen treffen. Das tut gut in diesen aufgeregten Zeiten!

„Lasst uns hinausgehen…“  -  was könnte das heißen, wenn man zu Hause bleiben muss? Kontakt halten zu anderen, vor allem zu denen, die alleine sind (Telefon, Internet, vielleicht auch schreiben?), Zuflucht sein für die, die Zuflucht suchen, beten, für mich und für andere, das Gebet als Ort der Zuflucht entdecken.

Mir fällt ein Liedtext ein, zugleich ein Gebet:

        „Du bist meine Zuflucht, du bist meine Hoffnung,

         du bist meine Stärke, lass mich nicht allein.

         Wenn mich Schläge treffen und wenn ich schutzlos bin,

         leih mir deinen Mantel und hüll mich darin ein.“

 

 

Beschluss bezüglich Corona

Am 13.03.2020 wurde von der Landeskirche Hannovers eine Empfehlung an die Gemeinden ausgesprochen, zum Schutz der Bevölkerung, besonders der Älteren unter uns, alle Veranstaltungen und Gruppen, einschließlich der Gottesdienste bis zum 19.04.2020 abzusagen.

Der Kirchenvorstand der St. Mariengemeinde Osterholz-Scharmbeck hat deshalb wie folgt am 14.03.2020 entschieden:

In der St. Mariengemeinde Osterholz-Scharmbeck finden bis voraussichtlich zum 19.04.2020 keine Veranstaltungen und auch keine Gottesdienste statt.

Wir sagen dies schweren Herzens ab, weil wir wissen, wie sehr Gemeinschaft und Gottesdienst in Krisenzeiten der gegenseitigen Stärkung dienen.

Dennoch folgen wir der Empfehlung der Landeskirche mit Blick auf eine Verlangsamung der Ausbreitung der Infektionskrankheit, damit insbesondere gefährdete Menschen gut ärztlich versorgt werden können. Wir bitten die Gemeindeglieder um Fürbitte für erkrankte und verunsicherte Menschen. Auch für Gruppen und Gäste im Haus ist die Nutzung für Veranstaltungen im Haus bis voraussichtlich zum 19.04.2020 ausgesetzt. Die Schließung gilt auch für unser Café St. Marien im Gemeindehaus. Dieses insbesondere zum Schutz der überwiegend älteren ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Über weitere Entwicklungen halten wir Sie auf dem Laufenden. Pfarramt und Gemeindebüro sind telefonisch und per E-Mail für Sie erreichbar.  

Im Namen des Kirchenvorstands,

Georg Ziegler, Pastor